Kurz gesagt: Vergleiche den Kreditzins mit der erwartbaren Anlagerendite: Ist der Zins höher (typisch bei Dispo und Konsumkrediten), tilge zuerst – das spart sicher Geld. Sehr günstige Kredite kannst du parallel zur Anlage laufen lassen.
Wer etwas übrig hat, steht oft vor der Wahl: Schulden schneller abbezahlen oder das Geld anlegen? Die Antwort liegt fast immer im Zinsvergleich.
Kreditzinsen auflisten: Notiere zu jedem Kredit den effektiven Jahreszins – beim Dispo häufig rund 11–14 %, bei Konsumkrediten rund 6–9 % (Stand 2025, je nach Anbieter).
Realistische Rendite ansetzen: Langfristig sind grob 5–7 % vor Steuern denkbar, aber unsicher und schwankend – keine Garantie, auch Verluste sind möglich.
Vergleichen und entscheiden: Ist der Kreditzins höher als die erwartbare Rendite, geht Tilgen vor – der gesparte Zins ist deine sichere „Rendite“.
Reihenfolge einhalten: Erst kleiner Notgroschen, dann teure Schulden weg, dann anlegen – mehr unter Schulden abbauen.
Worauf es ankommt
Im Kern steht ein nüchterner Zinsvergleich: Jeder Euro, der einen teuren Kredit tilgt, spart dir genau dessen Zins – und zwar sicher und ohne dass darauf Steuer anfällt. Eine Geldanlage kann langfristig mehr bringen, aber die Rendite ist unsicher, schwankt und wird in der Regel besteuert, während Kreditzinsen verlässlich anfallen. Liegt der Kreditzins über der realistisch erwartbaren Rendite, ist Tilgen daher fast immer die bessere Wahl. Sinnvoll ist die Reihenfolge: erst ein kleiner Notgroschen, dann die teuersten Schulden weg, dann investieren. Ausnahmen sind sehr niedrig verzinste Kredite, etwa manche Immobilien- oder Förderdarlehen – hier kann Anlegen rechnerisch im Vorteil sein, garantiert ist das aber nicht. Und neben der Mathematik zählt das Gefühl: Schuldenfrei zu sein bringt vielen mehr Ruhe als ein paar Prozent Renditechance.
RechenbeispielEin Dispo von 2.000 € zu 13 % kostet rund 260 € Zinsen im Jahr. Tilgst du den Dispo, sparst du diese 260 € sicher. Eine Anlage müsste dafür verlässlich mehr als 13 % bringen – und weil auf den Ertrag noch Steuer anfällt, vor Steuern sogar deutlich mehr. Das ist auf Dauer kaum erreichbar.
Verschaff dir zuerst Überblick über deine Kredite und ihre Zinsen – mehr dazu unter Schulden abbauen.
Im Detail
Die Zinsgrenze ehrlich berechnen
Auf der nächsten Stufe genügt der Vergleich „Kreditzins gegen Wunschrendite“ nicht mehr — beide Seiten müssen nach Steuern und Risiko gerechnet werden. Eine Tilgung bringt dir die ersparten Zinsen garantiert und steuerfrei, während eine Aktienrendite unsicher ist und in Deutschland rund 26,4 % Abgeltungsteuer inklusive Soli kostet (Stand 2026; exakt 26,375 % ohne Kirchensteuer). Beispiel: Ein Kredit zu 4 % effektiv entspricht einer garantierten „Rendite“ von 4 % netto; um das mit einem ETF zu schlagen, brauchst du brutto grob 5,4 % erwartete Rendite — nur damit du nach Steuer gleichauf bist. Wer den Sparerpauschbetrag von 1.000 € pro Jahr (Verheiratete 2.000 €) noch frei hat, verschiebt diese Grenze etwas nach unten. Die Faustregel lautet also nicht „Zins unter 5 % = investieren“, sondern „Nettokosten des Kredits gegen Nettoertrag der Anlage“ — und im Zweifel gewinnt das Garantierte.
Reihenfolge bei mehreren Schulden
Sobald mehr als ein Kredit läuft, wird die Reihenfolge wichtiger als die Grundsatzfrage. Mathematisch optimal ist die Lawine: Du bedienst überall die Mindestrate und wirfst jeden zusätzlichen Euro auf den teuersten Kredit — typischerweise der Dispo mit oft 10–13 % oder eine Kreditkarte. Erst wenn die teuren Posten weg sind, stellt sich die Tilgen-oder-investieren-Frage für den günstigen Rest überhaupt. Vorsicht bei Sondertilgungen von Immobilienkrediten: Viele Verträge erlauben nur einen begrenzten Anteil der Restschuld pro Jahr ohne Vorfälligkeitsentschädigung, und während der Zinsbindung lässt sich ein Altkredit zu 1,5 % praktisch nie sinnvoll vorzeitig ablösen. Ein häufiger Fortgeschrittenen-Fehler ist, einen 1,5-%-Baukredit eifrig zu tilgen, während gleichzeitig ein Dispo zu 12 % vor sich hin läuft. Sortiere immer nach Zinssatz, nicht nach Bauchgefühl oder Restschuldhöhe.
Notgroschen vor reiner Optimierung
Die größte Falle auf dieser Stufe ist, die Rechnung zu „gewinnen“ und dann an der Liquidität zu scheitern. Wer jeden Euro in Tilgung oder ETF steckt und keinen Puffer hat, muss bei der nächsten kaputten Waschmaschine oder Autoreparatur erneut teure Schulden aufnehmen — und macht den Zinsvorteil sofort zunichte. Sinnvoll ist daher die Reihenfolge: erst teure Schulden (Dispo, Karte), dann ein Notgroschen von etwa drei bis sechs Netto-Monatsausgaben, und erst danach die feinere Tilgen-gegen-Investieren-Abwägung beim günstigen Kredit. Ein verbreiteter Irrtum ist, den Notgroschen als „faules“ Geld zu sehen; tatsächlich ist er die Versicherung, die deine ganze Strategie überhaupt durchhaltbar macht. Plane außerdem mit Reserve für Steuernachzahlungen und schwankende Einnahmen, wenn du selbstständig bist. Optimierung lohnt erst, wenn der Boden trägt.
Checkliste
Ich kenne den effektiven Jahreszins jedes Kredits.
Ein kleiner Notgroschen ist vorhanden.
Die teuersten Schulden (Dispo, Konsumkredit) tilge ich zuerst.
Erst danach lege ich freies Geld an.
Häufige Irrtümer
Irrtum: Investieren bringt immer mehr als Tilgen.
Stimmt: Nur wenn die Rendite verlässlich über dem Kreditzins liegt – bei Dispo und Konsumkrediten ist das praktisch nie der Fall.
Irrtum: Schulden sind egal, solange ich anlege.
Stimmt: Teure Zinsen laufen sicher weiter, während die Rendite unsicher bleibt – das zehrt deinen Vorsprung schnell auf.
Häufige Fragen
Was, wenn ich noch keinen Notgroschen habe?
Leg zuerst eine kleine Reserve an (etwa ein Monatsausgaben-Betrag), bevor du teure Schulden tilgst – sonst musst du bei der nächsten Panne wieder neue Schulden aufnehmen.
Soll ich einen günstigen Immobilienkredit vorzeitig ablösen?
Bei sehr niedrigen Zinsen kann Anlegen rechnerisch mehr bringen – sicher ist das aber nicht. Es ist auch eine Frage des Gefühls: Schuldenfrei zu sein gibt vielen Ruhe.