Nachhaltig anlegen: ESG & grüne Geldanlage
Kontoo-Redaktion · Aktualisiert am 23.06.2026
Geld anlegen und Werte berücksichtigen – das schließt sich nicht aus. Wichtig ist nur, hinter das grüne Etikett zu schauen.
- Verstehen, was ESG meint: Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) – drei Dimensionen, kein Gütesiegel.
- Ansatz wählen: Ausschlusskriterien (z. B. keine Waffen, keine Kohle), Best-in-Class (die jeweils Saubersten je Branche) oder Impact (gezielte Wirkung) – jeder Ansatz lässt anderes zu.
- Methodik prüfen: Schau in das Factsheet des Fonds – welcher Index, welche konkreten Ausschlüsse? Ein „ESG“ im Namen sagt für sich genommen wenig aus.
- Grundregeln nicht vergessen: Breite Streuung und niedrige Kosten bleiben so wichtig wie bei jeder Anlage, auch bei ETF-Grundlagen.
Worauf es ankommt
Der größte Stolperstein ist, dem Etikett zu vertrauen: „nachhaltig“, „ESG“ oder „grün“ sind keine geschützten Begriffe, und Methoden unterscheiden sich stark. Ein Fonds kann sich nachhaltig nennen und trotzdem Unternehmen halten, die du persönlich ausschließen würdest. Deshalb lohnt der Blick ins Factsheet: Welcher Index liegt zugrunde, welche Branchen sind ausgeschlossen, wie streng sind die Kriterien wirklich? Gleichzeitig gelten die normalen Spielregeln weiter – breite Streuung über viele Länder und Branchen sowie niedrige laufende Kosten schlagen am Ende oft jeden guten Vorsatz. Am hilfreichsten ist, vorher die eigenen Kriterien festzulegen: Was ist dir wichtig, und was ist nur nettes Beiwerk?
RechenbeispielBeispiel: Ein breiter Welt-ETF mit 0,20 % Kosten und eine nachhaltige Variante mit 0,40 % unterscheiden sich bei 20.000 € Anlage zunächst um 40 € pro Jahr – über 20 Jahre summiert sich das mit Wertzuwachs und Zinseszins schnell auf über 1.000 €. Das ist verkraftbar, wenn dir die Kriterien das wert sind, aber kostenlos ist es nicht.
Wenn dir die Mechanik unklar ist, lies zuerst die
ETF-Grundlagen – nachhaltige ETFs funktionieren genauso, nur mit zusätzlichen Filtern.
Im Detail
Label und Ratings richtig lesen
Wer über die Basics hinaus ist, stößt schnell auf die SFDR-Einordnung in „Artikel 8“ und „Artikel 9“ – das sind aber keine Gütesiegel, sondern Offenlegungs-Kategorien. Rund um 2022/2023 wurden zahlreiche Fonds von Artikel 9 auf Artikel 8 zurückgestuft, als die Anforderungen konkreter wurden. Verlässlicher sind die Ausschluss- und Auswahlkriterien im Verkaufsprospekt: Schließt der Fonds etwa fossile Energie, Rüstung oder Tabak wirklich aus, oder nur Geschäftsanteile über einer Umsatzschwelle wie 10 Prozent? ESG-Ratings verschiedener Anbieter überschneiden sich zudem oft nur schwach – Untersuchungen finden Korrelationen um die 0,5 statt nahe 1, weil jeder anders misst und gewichtet. Ein „AA“ bei einer Agentur kann bei einer anderen Mittelmaß sein. Achten Sie auf den Unterschied zwischen einem reinen ESG-Rating (Risiko fürs Unternehmen) und einer Wirkungsmessung (Wirkung auf die Welt) – das wird gern verwechselt. Das deutsche FNG-Siegel kann ein erster Anker sein; ein EU-Ecolabel für Finanzprodukte ist dagegen seit Jahren in Vorbereitung, aber bislang (Stand 2026) nicht eingeführt. Faustregel auf der nächsten Stufe: Nicht das Etikett kaufen, sondern die zugrunde liegende Regel, die das Etikett erzeugt.
Die versteckten Kosten der Tugend
Nachhaltige ETFs sind im Schnitt etwas teurer als ihre Standard-Pendants: Wo ein breiter Welt-ETF rund 0,10 bis 0,20 Prozent jährlich kostet, liegen ESG-Varianten oft bei rund 0,20 bis 0,50 Prozent – auf 30 Jahre und 300 € Sparrate können sich daraus vier- bis fünfstellige Unterschiede im Endvermögen ergeben. Dazu kommt eine konzentriertere Streuung: Ein „SRI“-Index behält teils nur ein Viertel der Titel des Mutterindex, was die Schwankung erhöhen und einzelne Branchen über- oder untergewichten kann. Prüfen Sie deshalb nicht nur die TER, sondern auch die Tracking-Differenz und die Zahl der enthaltenen Positionen. Ein typischer Fortgeschrittenen-Fehler ist es, drei verschiedene „grüne“ Fonds zu kombinieren, die am Ende dieselben großen Tech-Werte halten – das fühlt sich diversifiziert an, ist es aber nicht. Sinnvoller ist, eine klare Methodik zu wählen und dabei zu bleiben, statt Labels zu stapeln.
Greenwashing und Klumpenrisiken erkennen
Je tiefer man einsteigt, desto wichtiger wird die Frage, ob „Impact“ draufsteht, wo nur Ausschluss drin ist: Ein Fonds, der nur die schlechtesten Titel einer Branche aussortiert, verändert real wenig, darf sich aber „nachhaltig“ nennen. Themen-ETFs (Wasserstoff, Solar, „Clean Energy“) klingen wirkungsvoll, sind aber oft enge Wetten auf 30 bis 50 Firmen und hatten Phasen mit 50 Prozent Wertverlust und mehr – sie gehören, wenn überhaupt, als kleine Beimischung von vielleicht 5 bis 10 Prozent ins Depot, nicht als Kern. Achten Sie auf Klumpen: Bei manchen Sauberkeits-Indizes machen wenige Halbleiter- oder Auto-Titel einen großen Teil aus. Lesen Sie die Top-10-Positionen und die Länder-/Branchengewichte, bevor Sie kaufen – die stehen im Factsheet. Wer Wirkung will, sollte zudem wissen: Beim Kauf am Sekundärmarkt fließt kein neues Geld ins Unternehmen; echte Lenkungswirkung entsteht eher über die Stimmrechtsausübung („Engagement“) des Anbieters, was ein zusätzliches Prüfkriterium sein kann.